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Sportler: Olympia-Verschiebung: Die neue Macht der Athleten

Sportschau
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Widerstand, Protest, Start-Verzicht: Weltweit haben Sportler mobil gemacht, um eine Olympia-Verschiebung zu erzwingen. Was bedeutet das für ihr künftiges Mitspracherecht im Milliardenspiel?

Widerstand, Protest, Start-Verzicht: Weltweit haben Sportler mobil gemacht, um eine Olympia-Verschiebung zu erzwingen. Was bedeutet das für ihr künftiges Mitspracherecht im Milliardenspiel?

Wenn es ihn tatsächlich geben sollte, den viel beschworenen Olympischen Geist, dann ist er jetzt, inmitten der Corona-Krise, aus dem Olymp herabgestiegen. Ein Geist, den nicht die Hüter des Ringe-Ordens in die Welt getragen haben, sondern die, die seit je die Protagonisten der Olympischen Idee sind: die Athleten. Dem Druck, der aus ihren Reihen entstanden und gewachsen ist, musste sich das Internationale Olympische Komitee beugen und die Olympischen Spiele viel früher verschieben, als es das IOC wohl geplant hatte.

Als "bittersüßen Sieg für die Sportler", feierte die weltweite Sportlervereinigung Global Athlete die Entscheidung. Bitter, weil für manchen damit ein Lebenstraum geplatzt ist. Süß, weil die Athleten gespürt haben, was sie erreichen können, "wenn sie als Kollektiv zusammenarbeiten". Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler bewertete das Geschehen der vergangenen Wochen ähnlich, wenn er es auch etwas diplomatischer verpackte: "Wir haben gemeinsam Meinungen geformt, und die Meinungen wurden erhört", sagte Röhler dem MDR. "Das zeigt, wie viel man erreichen kann, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht."

Dabei sein ist alles - ein Virus und die Gemeinschaft der Athleten haben das olympische Motto in den vergangenen Tagen und Wochen ad absurdum geführt, Neben der Sorge um die eigene Gesundheit mag die Sportler dabei zweierlei angetrieben haben: Das ungute Gefühl, dass der Sport inmitten der Corona-Pandemie das falsche Signal senden und in einem weltweiten Ausnahmezustand als zweifelhafte Elite der Gesellschaft angesehen werden könnte. Zugleich aber auch die Befürchtung, dass der sportliche Wettbewerb durch ungleiche Trainingsbedingungen und mangelnde Dopingkontrollen verzerrt werden könnte.

Einer, der den "Aufstand der Sportler" maßgeblich geprägt hat, ist Max Hartung. Der Säbelfechter war der erste Sportler, der seinen Verzicht auf die Spiele erklärte, hätten sie wie geplant im Sommer stattgefunden. Ein mutiger Schritt, und wer sonst als der Präsident von Athleten Deutschland hätte ihn tun sollen? Der Verein hat sich erst vor drei Jahren gegründet - als Athletenvertretung, die sich unabhängig von der Doktrin der Sportverbände positionieren kann und soll. Der Deutsche Olympische Sportbund kritisierte diese Autonomiebestrebungen ebenso vehement wie vergeblich. Athleten Deutschland hat inzwischen fast 500 Mitglieder und wird vom Bundesinnenministerium gefördert.

Die Chance, die für die Olympia-Hauptdarsteller aus diesem sportpolitischen Novum erwächst, ist ebenso historisch wie die Verschiebung der Spiele selbst. Manche sprechen bereits von einer Zäsur. Global Athlete ist auf den Plan getreten und fordert mehr Mitspracherecht. "Sie müssen nun die Athleten und Athletengruppen in die Planung für die bevorstehenden Spiele in Tokio einbinden. Wie sich in den vergangenen Wochen gezeigt hat: keine Athleten, keine Spiele", appellierte die Athletenvereinigung an die Olympia-Macher. Schon vor Tagen hatte Athletensprecherin Hayley Wickenheiser vorausgesagt: "Die Krise ist größer - selbst als die Olympischen Spiele." Es war eine der ganz wenigen kritischen Stimmen aus der IOC-Athletenkommission, die gemeinhin als Sprungbrett für höhere sportpolitische Ämter dient.

IOC-Präsident Thomas Bach, der in seinen Statements der vergangenen Woche die Sportler häufiger nur unter "ferner liefen" erwähnte, beeilt sich nun, die wachsende Kraft zu kanalisieren. "Gebt uns allen Input und alle Informationen, die wir brauchen, um all dies möglich zu machen", bat der Fecht-Olympiasieger von 1976 die Sportler um Mithilfe bei der Vorbereitung der verschobenen Spiele. Ein möglicherweise recht einseitiger Pakt, wie Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes, im "Spiegel" berichtete: "Wir haben vor einer Woche mit Thomas Bach beraten, der Solidarität von uns einforderte. Nun wurden wir nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen."

Es würde ins Bild passen, sollte die Lernkurve der obersten Olympier in puncto Teilhabe der Sportler - wenn überhaupt - nur ganz langsam ansteigen. Es wird nichts daran ändern, dass sich die Sportler ihrer neuen Macht sehr bewusst sind. Sie haben das, was ihnen während Olympischer Spiele verboten ist, gerade weltweit eindrucksvoll praktiziert: Widerstand geleistet, Protest organisiert, ihre Stimme erhoben. Und einmal mehr hat sich gezeigt: Sport ist nicht unpolitisch, Sport kann gar nicht unpolitisch sein. Es liegt nun wiederum auch an den Athleten selbst, wie sich die Causa Tokio künftig auf ihr Mitbestimmungsrecht im Milliardenspiel auswirken wird.



Quelle: Sportschau



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