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Fußball: Joachim Löw feiert 60. Geburtstag

Sportschau
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Es gab kleine Unebenheiten in seiner bisherigen Karriere und sehr große Erfolge. Er ist mit Leib und Seele Fußballtrainer, an der Pflege seiner Außendarstellung dagegen weniger interessiert. Jetzt wird Bundestrainer Joachim Löw 60 Jahre alt.

Ein Blick zurück unterliegt physikalischen Gesetzen. Dinge, die direkt hinter uns liegen, wirken oft größer als weiter entfernte. Auch Erinnerung funktioniert häufig so. Jüngste Eindrücke sind präsenter als weiter vergangene.

Wenn Joachim Löw nun also am Montag (03.02.2020) auf sein sportliches Wirken blickt, stößt er zuerst auf seine vielleicht größte Niederlage: Das Vorrundenaus bei der WM 2018 in Russland. Aber mal angenommen, Löw wäre im Jahr seines 50. Geburtstags zurückgetreten. 2010, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika begeisterte er mit Sensationsfußball, zum Beispiel beim 4:0 im Achtelfinale gegen Argentinien. Er hatte die Mannschaft im WM-Zyklus nach dem Sommermärchen 2006 zu einer spektakulären Auswahl geformt, die am Ende Dritter wurde.

Wäre Löw also in diesem Moment abgetreten, hätte das zwar niemand wirklich verstanden, er wäre aber als großer Reformer gegangen. Oder noch besser: Der 54 Jahre alte Löw hätte am Fuße der Jesus-Statue in Rio mit dem WM-Pokal in der Hand die Nationalelf abgegeben. Es würde von einer nahezu makellosen Bilanz gesprochen und es würde gönnerhaft hinweggesehen über kleine Unebenheiten wie das vercoachte EM-Halbfinale in Polen mit der verpatzten Manndeckung von Toni Kroos gegen den begnadeten Andrea Pirlo.

All diese Konjunktive und konstruierten Szenarien der Fußballgeschichte rund um den zehnten Cheftrainer der DFB-Geschichte können wir aber vergessen. Joachim Löw hat immer weitergemacht. Warum auch nicht?

Im Team von 2014 steckte noch genug Potenzial, um 2016 als vermutlich beste Mannschaft des Turniers bei der EM in Frankreich unglücklich im Halbfinale am Gastgeber zu scheitern und 2018 als einer der Mitfavoriten und hochgelobter Confed-Cup Sieger zur WM nach Russland zu reisen.

Das alles ist Verdienst eines Mannes, der schon früh im Fußball vor allen Dingen Ästhetik  sah - nicht umsonst startete er seine aktive Karriere, Achtung Wortspiel, beim FC Schönau. Über Eintracht Freiburg ging es 1978 zum SC Freiburg.

Erst vor kurzem musste in Löws Biographien der Eintrag als erfolgreichster Torjäger der Breisgauer gestrichen werden ? diesen Rekord hält inzwischen der Bundesliga-Superjoker Nils Petersen. Der Trainer Löw legt auf jeden Fall besonderen Wert auf technische Fähigkeiten, die ihn selbst einst auch als Spieler auszeichneten.

Als Vereinstrainer holte Löw zwar gleich im ersten Jahr mit dem VfB Stuttgart den DFB-Pokal, eine weltmeisterliche Krönung war aber lange Zeit nicht absehbar. Stationen bei Fenerbahce Istanbul, dem Karlsruher SC sowie in Innsbruck und Wien klingen noch nicht nach einem potenziellen Hall-of-Fame-Trainer des deutschen Fußballs.

In Löws Fall spielt der Zufall hier eine entscheidende Rolle. 1999 fehlte dem schon lange als Trainer aktiven Übungsleiter eine vom DFB anerkannte Fußballehrer-Lizenz. Löw bekam eine Art Wildcard für einen Kurzlehrgang für besonders verdiente Nationalspieler in Hennef. Mit dabei waren unter anderem Pierre Littbarski, Stefan Reuter und Jürgen Klinsmann.

Seine Abschlussnote 1 war am Ende vermutlich genauso wichtig wie der Kontakt zu Klinsmann, dessen Assistenztrainer er 2004 wurde. 16 Jahre später gilt der Weltmeistertrainer als Schattenmann des Sommermärchens, bei sechs großen Turnieren erreichte er fünfmal mindestens das Halbfinale.

Trotzdem fehlt heute in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwie das entsprechende Ansehen. Das mag am manchmal niedlich wirkenden Sprach-Duktus liegen, bestimmt auch daran, dass er immer wieder mal von Fernsehkameras in peinlich anmutenden Posen eingefangen wird.

Unvergessen ist dazu Lukas Podolskis Satz in einer offiziellen DFB-Pressekonferenz: "In der Mannschaft", so Podolski, "ist das kein Thema. 80 Prozent von euch und ich kraulen sich auch mal an den Eiern." Von außen betrachtet, hat Löw ein Imageproblem. Das Besondere daran ist: Löw selbst ist das völlig egal. Er ist mit Leib und Seele Fußballtrainer. Der passionierte Espresso-Trinker ist an der Pflege seiner Außendarstellung im Grunde nicht interessiert.

Und so gibt es zum 60. Geburtstag auch keine große Party mit Prominenten aus allen Bereichen der Gesellschaft. Löw bastelt weiter am Umbau seiner Nationalmannschaft und lässt sich durch öffentliche Diskussionen nicht beeinflussen. Im Gegenteil: Manchmal scheint es, dass er ganz bewusst seine Entscheidungen gegen Mainstream-Meinungen fällt. Vehement Comebacks von alten Größen wie Mats Hummels oder Thomas Müller zu fordern, bewirkt im Zweifel vermutlich eher das Gegenteil.

Löw will die Nationalmannschaft nach dem peinlichen WM-Aus wieder auf Erfolgskurs bringen. Es gibt keine Rücksicht auf große Namen. Unter den Nationaltrainern der europäischen Top-Teams ist er mit großem Abstand der dienstälteste.

Belgiens Roberto Martinez ist genauso erst seit 2016 im Amt wie Englands Gareth Southgate. Nach Löw ist Frankreichs Trainer Didier Deschampes am längsten dabei ? und zwar ganze sechs Jahre weniger als der "Bundes-Jogi".

Die Frage des Jahres zu Joachim Löws 60. Geburtstag ist aktuell offen: Kann er seiner Mannschaft noch frische Impulse geben und sie zurück in die Erfolgsspur bringen? Bei allen Zweifeln sollte niemand so ungerecht sein, irgendwann beim Blick zurück auf die Laufbahn von Joachim Löw zu sehr auf den letzten Eindruck zu achten.



Quelle: Sportschau



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