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Tadej Pogacar bei der Tour de France: Alles oder Nichts

Sportschau
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Tadej Pogacar war schon immer zu klein oder zu jung, was ihn nur noch ehrgeiziger und angriffslustiger machte. Auf der Königsetappe der Tour de France könnte ihn das sogar ins Gelbe Trikot bringen.

Natürlich hat es Tadej Pogacar auch am Dienstag (15.09.2020) wieder versucht. Im Finale der 16. Etappe der Tour de France ging der Slowene kurz aus dem Sattel, aber es war für seine Verhältnisse ein eher halbherziger Angriffsversuch, als die Favoriten auf den Gesamtsieg mit deutlichem Rückstand auf den Etappensieger Lennard Kämna in Villard-de-Lans ankamen.

Dennoch muss man ernst nehmen, was Pogacar auf seiner Website als Motto verkündet. "Weiter versuchen und niemals aufgeben", blinkt einem entgegen, wenn man den Internetauftritt des Slowenen besucht. Das entspricht exakt seinem Fahrstil und den Eindrücken, die Pogacar in den vergangenen zweieinhalb Wochen auf den französischen Landstraßen hinterlassen hat.

Der 21-Jährige ist ein Alles-oder-Nichts-Fahrer. Und er wird darum versuchen, die 40 Sekunden Rückstand in der Gesamtwertung weiter zu reduzieren oder gar einen Vorsprung herauszufahren auf Primoz Roglic, 30, der das Gelbe Trikot auf seinen Schultern trägt, und dessen letzter verbliebener Rivale beim Kampf um den Toursieg sein neun Jahre jüngerer Landsmann ist.

Die 17. Etappe auf den 2.304 Meter hohen Col de la Loze oberhalb von Méribel bietet sich für den nächsten Angriff an. Die letzten Kilometer der Königsetappe hinauf zum höchsten Punkt der Tour in diesem Jahr führen über eine Fahrradstraße und erreichen absurde Steigungsraten bis zu 24 Prozent. "Auf den letzten Kilometern braucht man sehr gute Beine. Wenn ich einen guten Tag habe, könnte ich ein paar Sekunden gewinnen", sagt Pogacar. "Aber an einem schlechten Tag ist es meiner Meinung nach auch möglich, eine halbe Stunde zu verlieren."

Letzteres wird ihn aber kaum davon abhalten, auf den steilen Rampen des Col de la Loze trotzdem eine Attacke zu starten. Denn wenn es ihm an etwas sicher nicht mangelt, dann am Mut zum Risiko. "Es ist würfeln. Was habe ich zu verlieren, solange ich mein Bestes gebe. Irgendwie spielt das Ergebnis keine Rolle", hat er vor ein paar Tagen der französischen Sportzeitung L'Équipe erzählt.

In Méribel schließt sich auch ein erster kleiner Kreis von Pogacars gerade erst beginnender Radsport-Karriere auf höchstem Niveau. Dort fuhr er vor zwei Jahren erstmals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit - zumindest jener, die sich intensiv mit dem Radsport beschäftigt. In Méribel übernahm er damals die Gesamtführung der Tour de l'Avenir, einer Art Tour de France für Nachwuchsfahrer, und verteidigte diese auf den folgenden drei Bergetappen.

Als erster slowenischer Gesamtsieger der Tour de l'Avenir reihte er sich damit in eine recht nahmhafte Gesellschaft ein. Denn zu den früheren Siegern der Rundfahrt gehören Fahrer wie Egan Bernal, Nairo Quintana oder noch weiter zurückliegend Laurent Fignon und Miguel Indurain. Alles Fahrer, die im weiteren Verlauf ihrer Karriere eine Grand Tour gewannen. Pogacar könnte diesen Fahrern nun recht schnell auch in dieser Hinsicht folgen - und das sogar bei der wichtigsten der drei großen Landesrundfahrten, der Tour de France.

Es ist ein kometenhafter Aufstieg, den der 21 Jahre alte Radprofi in den etwas mehr als anderthalb Jahren hingelegt hat, in denen er als Radprofi auf World-Tour-Niveau fährt. Im vergangenen Jahr landete er bei seiner ersten Drei-Wochen-Rundfahrt gleich auf dem Podium: Die Vuelta à Espana 2019 beendete er auf Rang drei. Im Frühjahr zuvor hatte Pogacar bereits die Kalifornien-Rundfahrt gewonnen, durfte auf dem Podium allerdings den Champagner nicht kosten. Nach dem Gesetz in dem US-Bundesstaat war es ihm als 20-Jährigem verboten, Alkohol zu trinken.

Pogacar war irgendwie schon immer zu jung für das, was er wollte. Er kommt aus Komenda, eine halbe Stunde Autofahrt nördlich der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Dort war es sein zwei Jahre ältere Bruder Tilen, dem er als Neunjähriger nacheiferte, weshalb er wie der Ältere zum Radsport fand. Obwohl es zunächst kein passendes Rad gab für den kleingewachsenen Tadej. Bei seinen ersten Siegen war er noch so klein, dass ihn die auf den unteren Stufen des Podiums platzierten Jungen trotzdem noch überragten.

Die fehlende Körpergröße machte er mit enormem Ehrgeiz wett. Als der ehemalige slowenische Radprofi Andrej Hauptman zwei Jahre später ein Jugendrennen besuchte, fragte er, wer denn der kleine Junge sei, der sich da so abmühe, hinter dem Feld herzukommen. Das sei Tadej Pogacar, lautete die Antwort, aber der sei nicht abgehängt, sondern habe direkt vom Start weg attackiert und sei nun kurz davor, die anderen Fahrer zu überrunden.

Hauptman, ein ehemaliger Sprinter, der bei der WM 2001 Bronze im Straßenrennen gewann und ein Jahr zuvor wegen eines überhöhten Hämatokritwerts nicht bei der Tour de France hatte starten dürfen, nahm "Tamau Pogi" - den kleinen Pogi - fortan unter seine Fittiche. "Viele Menschen haben zu meiner Ausbildung beigetragen, aber Andrej ist wie ein Vater für mich", sagt Pogacar.

Zehn Jahre später arbeiten die beiden immer noch eng zusammen. Hauptman ist inzwischen Sloweniens Nationaltrainer und arbeitet teilweise auch als sportlicher Leiter beim UAE Team Emirates, für das Pogacar aktiv ist. Geblieben ist auch die aggressive Fahrweise, die er an den Tag legt. "Es macht mir nicht viel aus, wenn ich verliere", sagte er schon nach seinem Erfolg bei der Tour de l'Avenir in einem Interview.

Alles oder Nichts. Darum wird es für Pogacar, der abseits des Rades als eher ruhig, fast schon phlegmatisch und bodenständig beschrieben wird, nun auch auf der letzten schweren Bergetappe gehen. Vielleicht risikiert er sogar seinen Platz auf dem Podium für die Aussicht, den Hauptpreis gewinnen zu können. Im Bergzeitfahren auf die Planche des Belles Filles am vorletzten Tag der Tour de France werden Roglic die besseren Chancen eingeräumt.

Und warum sollte er es auch nicht riskieren. Dem kleinen Pogi blieben ja auch danach noch viele Jahre Zeit, um die Tour einmal zu gewinnen. Aber wenn es ihm gelingt, was meistens der Fall ist, könnte am Ende er und nicht Primoz Roglic der erste Slowene sein, der in Gelb nach Paris fährt.



Quelle: Sportschau



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