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Vor der Präsidiumssitzung am Freitag, Keller versus Curtius: Machtkampf und Intrigen beim DFB

Sportschau
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Das Verhältnis zwischen Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius ist vollkommen zerrüttet. Der Machtkampf beim Deutschen Fußball-Bund vergiftet das Arbeitsklima. Am Freitag wird in großer Runde über die vielen Intrigen geredet.

Der Helmut-Schön-Tagungsraum in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zweigt gleich hinter dem Foyer rechts ab. An der Wand neben der Fensterfront mit Blick in den Frankfurter Stadtwald sind die Originalspielbälle vergangener Weltmeisterschaften drapiert. Vom ollen Lederball bis zur modernen Kunststoffkugel.

Wohl nicht zufällig hat sich Fritz Keller diesen Hintergrund ausgesucht, als der Präsident hier seine Jahresbilanz zog. "Natürlich war Corona etwas, was die Menschheit wenigstens in den letzten Jahrhunderten nicht erlebt hat. Nicht nur im Fußball, sondern auch in der Kultur, in den Schulen, in den Universitäten, in den Betrieben ist dieses Jahr ein ganz besonderes, ein sehr trauriges Jahr", sagte der DFB-Präsident vor dem Jahreswechsel in einer Videobotschaft. "Auf der anderen Seite hat uns Corona gezeigt, wie wichtig das Zusammenleben ist. Wie wichtig es ist, respektvoll miteinander umzugehen."

Vermutlich hat er die eklatanten Widersprüche in seinen salbungsvollen Worten gar nicht bemerkt. Im eigenen Hause führt er nämlich auch im neuen Jahr mit seinem erbitterten Gegenspieler, Generalsekretär Friedrich Curtius, einen Machtkampf, der an Respektlosigkeiten kaum zu überbieten ist. Dass sich die beiden zerstrittenen Herrschaften noch einmal dauerhaft vertragen können, erscheint vor der nächsten Präsidiumssitzung am Freitag (15.01.2021) mittlerweile ausgeschlossen. Zu groß sind die Irritationen, die sich angehäuft haben.

Keller, 63, der Gastronom vom Kaiserstuhl, bisweilen hemdsärmelig, aber auch gutmütig wie gesellig, und Curtius, 45, der in Bonn geborene Jurist, strategisch denkend, abwägend, für viele schwer greifbar, bringen so unterschiedliche Biografien und Herangehensweisen in den größten Einzelsportverband hinein, dass eine Übereinkunft zum Wohle des deutschen Fußballs unmöglich erscheint.

Der Präsident hat unverhohlen den Fehdehandschuh in Richtung seines Generalsekretärs geworfen, indem Keller einen Untersuchungsausschuss im eigenen Verband forderte. Der Boss will auf der Präsidiumssitzung am Freitag Unterlagen und Informationen vorlegen, "die mich dazu gebracht haben, kein Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Friedrich Curtius zu haben", berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Keller will die Deutungshoheit in der Krise zurückerlangen. Von DFB-Seite gibt es zur Causa keinen Kommentar. Gebetsmühlenartig wird auf den Sitzungsbeschluss vom 23. Oktober vergangenen Jahres verwiesen, "an mehr Geschlossenheit in der Führungsspitze zu arbeiten, um im Interesse des Verbandes und aller Mitglieder gemeinsam nach vorne zu schauen", aber wie bitte soll das gehen, wenn schon wieder Interna durchdringen? Das DFB-Präsidium gleicht einem leckgeschlagenen Boot, in dem die Insassen nicht nur in unterschiedliche Richtungen rudern, sondern sich auch nicht einig sind, wer das eindringende Wasser herausschöpft. Oder wird sogar der Untergang ins Kalkül gezogen?

Schwer zu sagen, wer auf der Kommandobrücke verbleibt: Der bereits 2004 als Referendar zum DFB gestoßene Curtius oder der im September 2019 zum Neuanfang installierte Keller? Im fünfköpfigen Präsidialausschuss werden Vizepräsident Rainer Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge dem Curtius-Lager zugerechnet, während Multifunktionär Peter Peters eher hinter Keller steht - aber vor allem als Interessensvertreter der Bundesligavereine dient. Wobei es jeglicher Grundlage entbehrt, dass die Liga im DFB die Macht übernehmen will.

Eine groß angelegte Razzia im Herbst vergangenen Jahres, erneute Steuernachforderungen wegen Sachzuwendungen des Großsponsors Adidas und andere Ungereimtheiten lassen eben auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) nicht kalt. Der wegen seiner Mitverantwortung am Missmanagement beim FC Schalke 04 gescheiterte Peters prangerte in einem Gastbeitrag beim Fachmagazin "Kicker" das fehlende Miteinander in der Spitze ohne jedes Vertrauen an - und hatte damit einerseits den Ist-Zustand treffend beschrieben.

Andererseits wirkte es zu offensichtlich, wem der DFL-Aufsichtsratsvorsitzende dienen wollte: Peters überbrachte die Kernpunkte der Kritik aus der Liga, die sich in dem Machtkampf grundsätzlich auf Kellers Seite geschlagen hat und lieber heute als morgen Curtius loswerden möchte. "Die Liga will den Friedrich abschießen", bestätigte ein Verbandsmann der "Frankfurter Rundschau". Curtius wiederum gibt zu verstehen, zu einer Mediation immer noch bereit zu sein, das aber würde Keller ablehnen.

Damit der Bruchstellen nicht genug: Auch das Verhältnis zwischen DFL-Chef Christian Seifert und Curtius ist empfindlich gestört, die beiden haben sich kaum noch etwas persönlich zu sagen. Seifert hat sich aus dem Präsidialausschuss zurückgezogen, dem 51-Jährigen ist das Management des DFB-Generalsekretärs suspekt. Dabei geht es vor allem um die Rolle der eigentlich vom DFB als Aufklärer angeheuerten Firma Esecon.

Der Umgang mit dem Wirken der Ermittler ist zu einem zentralen Streitpunkt geworden, denn ihre teuren Nachforschungen haben viel Unruhe im Verband ausgelöst, heißt es. Eine Untersuchung beinhaltet alle DFB-Finanzströme in der jüngeren Vergangenheit inklusive der Zahlungen im Zusammenhang mit der Sommermärchen-Affäre. Ende Januar soll der Esecon-Bericht zur sogenannten Generalinventur vorliegen.

Die Experten-Teams von Esecon setzen sich aus Kriminalisten, Polizisten, Juristen, IT-Forensikern und Wirtschaftsprüfern zusammen ? sie haben Räume im Anbau der DFB-Zentrale bezogen, führen Befragungen durch, tauchen in Sitzungen auf. Durch Zugriff auf E-Mail-Konten und die DFB-IT können sämtliche Mails gesichtet werden. Viele Mitarbeiter sind verunsichert, einige sehen sich zu Unrecht verdächtigt. Denn oft schwingt die Frage mit: Welche Information nützt wem?

So scheint der DFB nicht nur der Bereich des Präsidiums vom Virus des gegenseitigen Misstrauens infiziert, sondern auch noch Arbeitsebenen darunter. Und das alles mitten in einer Pandemie, die das klärende Gespräch unter vier Augen in der Regel unterbindet. Ganz zu schweigen vom vielleicht versöhnlichen Dialog bei einem Getränk nach Dienstschluss. Erzeugt wird ein Klima der Angst, heißt es aus der Otto-Fleck-Schneise; zudem befürchten selbst hochrangige Angestellte, bei den vielen Intrigen dem falschen Lager - Keller oder Curtius - zugerechnet zu werden.

Nach Informationen der Sportschau wird am Freitag auf der Präsidiumssitzung ein delikates Thema zentral behandelt: ein angeblich hoch dotierter Beratervertrag, den Curtius mit unterschrieben hat. Jene Person wird von Keller verdächtigt, so manche Kampagne gegen ihn initiiert zu haben. Er selbst hat vieles eingesteckt, jetzt setzt er sich zur Wehr. In einem Interview mit "hr-iNFO" klang zum Jahreswechsel viel Kampfeslust durch, als er sagte: "Wenn sie dafür geholt werden, Dinge zu verändern, müssen sie auch in Konflikte rein." Und er fügte an: "Ich werde mich auf keinen Fall vom Weg der Erneuerung abbringen lassen"

Was heißt: Seine Aufräumarbeiten und Aufklärungsversuche sind noch nicht beendet. Dass er zu aufbrausend ist, mitunter zu cholerischen Ausbrüchen neigt, nicht immer geschickt vorgeht, fiel ihm oft genug auf die Füße, aber aufgeben will er partout nicht. Als Keller sagte, "alte Zöpfe müssen abgeschnitten werden" oder "Fehler, die vor Jahren gemacht worden sind", seien nie "richtig beseitigt worden", ist klar, dass er damit Curtius meint, der genau diesen operativen Bereich verantwortet. Keller kann stur sein, wenn er seinen Überzeugungen folgt; er ist mitnichten nur ein Grüß-Onkel oder Ja-Sager.

Ganz im Gegenteil: Wer um Kellers Wirken als preisgekrönter Winzer und langjähriger Präsident des SC Freiburg weiß, "der hätte wissen müssen, dass dieser sich nicht vor einen Karren spannen lässt, sondern seine eigenen Vorstellungen umzusetzen gedenkt", schrieb dazu die "Badische Zeitung". Vielleicht ist das der größte Irrtum mancher Funktionäre, die mit der Inthronisierung dieses Mannes glaubten, er würde sie einfach weiter so machen lassen. Jetzt scheint er es einfach drauf ankommen zu lassen, ob der Präsident oder der Generalsekretär diesen Konflikt verliert. Die Entscheidung naht, fällt aber wohl nicht am Freitag.



Quelle: Sportschau



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