Inklusion MEHR IOC

Nachrichten: Paralympics in Tokio: Das Problem mit der Inklusion

Sportschau
0

Das Thema Inklusion beschäftigt die Paralympics - allerdings anders als man denken könnte. Durch neue Regeln sind zuletzt langjährige Para-Sportler von den Spielen ausgeschlossen worden.

Das Thema Inklusion beschäftigt die Paralympics - allerdings anders als man denken könnte. Durch neue Regeln sind zuletzt langjährige Para-Sportler von den Spielen ausgeschlossen worden. Die Diskussionen über das Vorgehen des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) sind kontrovers.

Markus Rehm hat sich die Inklusion auf die Fahnen geschrieben. Bei den Auseinandersetzungen mit den internationalen Sportverbänden erscheint der Weltrekordler im Para-Weitsprung immer mehr wie Don Quijote im Kampf gegen die sprichwörtlichen Windmühlen. IOC und CAS haben dem 33-Jährigen zuletzt "einige schlaflose Nächte" bereitet. Nicht zuletzt Fälle in seinem Umfeld motivieren ihn aber ungemein, sich weiter für die Inklusion einzusetzen: "Ein 17-Jähriger durfte bei einem Sportfest nicht mit seinen Freunden in der 4x100-Meter-Staffel antreten, weil er eine Prothese trägt. Sowas kann doch nicht wahr sein", ärgert sich Rehm. "Da bewegt sich leider wenig."

Doch zuletzt musste der Star der Para-Sportszene auch immer wieder über das Verhalten des IPC den Kopf schütteln. "Wo es inklusiv zugeht, bin ich zu 100 Prozent dabei. Es wäre aus meiner Sicht ein geiles Statement, wenn mal ein olympischer Athlet bei den Paralympics mitmachen würde, und sei es außerhalb der Wertung, um sich mal ein eigenes Bild zu machen", betont Rehm. "Seine Fanbase würde dem Para-Sport sicher guttun."

Aber das Gegenteil ist derzeit Realität. Das IPC setzt auf Abgrenzung vom Olympischen Sport - und hat schon während des paralympischen Zyklus seine Regeln dahingehend verschärft und sein Profil geschärft. Dabei hat das offizielle Ziel, für "gleiche Start- und Wettkampfbedingungen" zu sorgen, weitreichende Folgen.

Das haben nicht nur die Rollstuhlbasketballer und -basketballerinnen zu spüren bekommen. Der von den Paralympics ausgeschlossene Brite George Bates twitterte, er erwäge eine Amputation der Beine, um in das Raster der unterschiedlichen Behinderungen des IPC zu passen.

Noch prominenter ist der Fall von Andre Brasil. Der Freistil-Schwimmer, der nach einer Erkrankung an Kinderlähmung behindert ist, war 14 Jahre Teil der brasilianischen paralympischen Mannschaft. Doch 2018 wurden die Regeln verändert, für den 37-Jährigen bedeuteten sie de facto das vorzeitige Karriereende. Weil er seine Laufbahn erst nach den Spielen in Tokio beenden wollte, klagte der 12-malige Paralympics-Sieger vor dem Landgericht Köln - das IPC hat seinen Sitz in Bonn. Doch das Gericht wies die Klage als unbegründet zurück.

"Dieser Fall führt die ganze Debatte doch ad absurdum", sagt die ehemalige Para-Schwimmerin und ARD-Expertin Kirsten Bruhn. "Er ist schon so oft bei den Paralympics geschwommen, hat Rekorde aufgestellt und Medaillen ohne Ende gewonnen. Auf einmal soll er nicht mehr behindert genug sein. Aber seine Rekorde bleiben bestehen. Das passt doch nicht zusammen."

Heinrich Popow, Paralympics-Sieger im Weitsprung 2016 und 100-Meter-Sprint 2012, begrüßt die Reformen des IPC. "Die entscheidende Frage ist, ob die Paralympics sich auf den Leistungssport konzentrieren sollen, oder ob es um die Bewegung an sich und die Motivation für alle gehen soll", erklärt der 38-Jährige, der erstmals als ARD-Experte fungiert. "Mit dem Leistungssport muss eine weitere Professionalisierung einhergehen. Wenn man so viele Menschen wie möglich einbinden will, wird der Apparat immer riesiger. Ich finde, dass sich die Spiele weiterentwickeln müssen. Dass dabei Sportler hinten runterfallen, ist auf jeden Fall ein Problem. Aber ich weiß nicht, wie sich das lösen lässt."

Einig sind sich alle, dass das IPC einen entscheidenden Fehler gemacht hat. "Es ist die größte Frechheit, wenn im paralympischen Zyklus irgendwelche Änderungen vorgenommen, Wettkämpfe gestrichen oder auch Regeln verändert werden", ärgert sich Popow. "Wenn Veränderungen anstehen, dann soll man die ankündigen - und jeweils nach den Spielen umsetzen. Alles andere finde ich respektlos den Athleten gegenüber."

Bruhn regt zudem an: "Ich finde, man müsste in solchen Fällen sagen, dass keine Athleten neu hinzukommen dürfen, die die neuen Regeln nicht erfüllen. Aber jemanden, der schon seit Jahren dabei ist, sollte niemand ausschließen."



Quelle: Sportschau



Sport Community

sport community

Werde kostenlos Mitglied im Sport Forum

Diskussionen mit Fans zu allen Sportarten und News

Wir freuen uns auf deine Beiträge!

jetzt Anmelden!

Foren und News

Alle Sportarten und mehr